Scout Report - Bericht eines Aufklärers

      Scout Report - Bericht eines Aufklärers

      Scout Report
      -Bericht eines Aufklärers-
      "...Es war mein erstes Mal. Mein allererstes Mal war ich hinter der Mauer, die uns alle vom Beginn an geborgen hatte. Doch sollte es möglicherweise auch mein letztes Mal gewesen sein? Ich weiß nicht, ob mir das Schicksal hold sein wird, oder ob diese Zeilen vielleicht niemals ein menschliches Auge erreichen. Ich kann weder von den Titanen, noch von den Göttern Gnade erwarten, nach alldem. Es gibt keine Hoffnung, aber ich werde mich trotzdem nicht meinem Schicksal ergeben!.. "
      ~Arne Freimann

      (Auszug aus einem Aufklärungstagebuch)

      Kapitel 1: Anfang

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      „Salutiert!“, rief der in einen braunen Mantel des Aufklärungstrupps gewandte Kommandant, die rechte Faust vor der linken Brust verschränkt und mit zielstrebendem Blicke. Und kaum hatte er das Wort beendet, schlugen sich alle vor ihm versammelten Soldaten in einer vollkommenen Bewegung die rechte Faust aufs Herz, um den Salut zu erwidern. Unlängst hatte er das hölzerne Podium vor den Soldaten bestiegen, fuhr der Mann fort. „Heute kann ein bedeutsamer Tag für die Menschheit werden! Denn heute werden wir eine Expedition in ein unbekanntes Gebiet hinter der Mauer Maria unternehmen! Das Hauptziel dieser Mission wird darin bestehen, das umliegende Areal zu erkunden und Aufzeichnungen zu sammeln! Gezielte Kämpfe gegen Titanen sind nicht vorgesehen, wenn nicht vermeidbar jedoch zu führen! Als Soldaten des Aufklärungstrupps ruht die Zukunft der Menschheit auf unseren Schultern! Nun, alle wegtreten, bis auf die Kadetten!“ Die Menge löste sich auf und der Platz, welcher soeben noch aus allen Nähten geplatzt war, wurde immer leerer. Nur ein Dutzend junger Soldaten blieb zurück. Einer von ihnen war Arne Freimann.

      Ihm machte das lange Stehen etwas zu schaffen, seine Hüfte fühlte sich noch nach all der Zeit wund an. „Sind nun nur noch Soldaten der ehemaligen 99. Trainingseinheit anwesend?“, fragte der Kommandant. Arne meldete sich nun mit der rechten Hand. „Soldat, sie gehören nicht der ehemaligen 99. Trainingseinheit an?, stellte der Mann fest. „Nein, ich gehöre der ehemaligen 98. Trainingseinheit an“, ergriff Arne nun das Wort. „Kommandant!“, fügte er hinzu. Der Kommandant signalisierte ihm, dass er verstanden hatte. Arne Freimann hatte bereits vor einem Jahr die Trainingseinheit absolviert und war eigentlich zum Aufklärungstrupp gestoßen. Jedoch war er ungefähr eine Woche vor dem Antritt auf offener Straße von einem Pferd niedergeritten worden. Danach hatte er nicht einmal mehr aufstehen können. Die Feldärzte des Militärlazaretts im Krolva-Distrikt hatten ihm einen komplizierten Knochenbruch im Bein diagnostiziert. Fast ein Jahr hatte er nicht gehen können. Während dieser Zeit hatte ihn viel zu oft die Nachricht erreicht, dass einer seiner Kameraden aus der Trainingseinheit im Kampfe gefallen ward. Auch für sie war er nun zum Aufklärungstrupp zurückgekehrt.

      „Nun, dies wird für alle von euch die erste Mission in nicht von Menschen beherrschtem Gebiet werden, ja sogar die erste Mission überhaupt. Ich erwarte, dass ihr dem Namen des Aufklärungstrupps alle Ehre macht und für eure neuen Kameraden einsteht. Ihr mögt zwar nicht mit ihnen drei oder mehr Jahre in der Ausbildung verbracht haben, jedoch sind sie genauso eure Brüder und Schwestern!“ Er griff in die Innentasche seines Mantels, holte ein Stück Pergament hervor und blickte kurz durch die Runde. „Ich werde euch nun euren Einheiten zuteilen. Hertha Preiß in die 69. Aufklärungseinheit. Peter Karfel in die 69. Aufklärungseinheit. Ronaldt Winkler in die 70. Aufklärungseinheit. Bernhart Kisfelt in die 71. Versorgungseinheit…“ Einzeln rief er sie auf und ließ sie sich in Gruppen sammeln. So ging es auch noch eine Weile weiter, bis er schließlich an die Reihe kam. „Arne Freimann in die 74. Aufklärungseinheit. Gesa-Marie Weißweyn in die 74. Aufklärungseinheit. Marlene Rogen in die 75. Aufklärungseinheit.“ Während der Kommandant weiter Namen aufrief, trat Arne vor, und ihm folgte ein junges, hübsches Mädchen. Sie hatte rotbraunes Haar, welches sie mit Lederbändern zu einer festen Frisur gebunden hatte. Ihre Augen waren grün und ihr Gesicht strotzte nur so vor Sommersprossen. Als er sie seitlich anblickte, drehte sie ihren Kopf, musterte ihn kurz und lächelte ihn dann an. Er lächelte etwas verunsichert zurück.

      Sie blieben beide vor einem ehrwürdig aussehenden Mann mit aschgrauem Haar und Dreitagebart stehen. Der Kommandant hatte inzwischen mit seiner Rede geendet. „Nun macht euch mit euren neuen Kameraden bekannt, Soldaten des Aufklärungstrupps! Wegtreten!“, rief er und verließ sein Podium. Sogleich sprach sie der Mann, dem sie zugeteilt worden waren an. „Guten Tag, junge Rekruten. Mein Name ist Hauptmann Jörk Hain, befehlshabender Offizier über die 74. Aufklärungseinheit. Ich hoffe, ihr werdet euch schnell eingewöhnen, denn das ist erforderlich für die Mission. Folgt mir!“ Sie schritten gemeinsam durch die Kaserne des Shiganshina-Distrikts, knapp hinter dem Hauptmann folgend, bogen eimal nach rechts und einmal nach links ab. Dann traten sie in einen mittelgroßen Gemeinschaftsraum, in welchem schon ein halbes Dutzend Soldaten auf den Stockbetten saßen und auf sie zu warten schienen. „Männer!“, rief Hain und sofort erhoben sich alle im Raum und salutierten mit einem lauten „Hauptmann!“. Der grauhaarige Befehlshaber wandte sich den zwei Neulingen zu. „Ich würde es vorziehen, wenn ihr euch mir und meinen Männern noch einmal vorstellen würdet.“ Sogleich salutierten beide. „Mein Name ist Arne Freimann, und ich bin ein Rekrut aus der 98. Trainingseinheit. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit!“ Er verharrte kurz in seiner Pose, in Erwartung auf irgendeine Reaktion. Doch es geschah nichts, bis auch seine neue Kameradin das Wort ergriff. „Ich bin Gesa-Marie Weissweyn, Rekrutin von der ehemaligen 99. Trainingseinheit. Ich hoffe auf ein gutes Miteinander!“ Auch sie schien eine Reaktion zu erwarten. Schließlich erhob ein Soldat der Einheit das Wort, aber es war nicht die von ihnen erwartete Reaktion, die folgte. „Hauptmann Hain, wer ist auf die Idee gekommen, uns Frischlinge zuzustecken?“, fragte ein hochgewachsener Mann mit Glatze und wettergegerbter Haut. Seine Augenbrauen ließen darauf schließen, dass er einst schwarzes Haar besessen hatte, das jedoch gewichen war und schlußendlich abrasiert worden war. „Die Kommandantur selbst. Und ich habe ebenso eingewilligt. Beide waren unter den ersten fünfzig in ihrem Jahrgang, einer von ihnen sogar unter den ersten fünfundzwanzig.“ Ein mittelgroßer Mann mit strohblondem mittellangem Haar und grünen Augen stieg in das Gespräch mit ein. „Diese Grünschnäbel werden doch nicht einfach Wilhelm und Greta ersetzen können! Sie werden mir eh nur im Wege herumstehen.“ Ein Murmeln der bisher schweigsamen Mitglieder ging durch den Raum. „Warum hat man uns nicht einfach erfahrene Kämpfer aus einer der aufgelösten Einheiten überlassen?“ schaltete sich höflich ein blondhaariger, blauäugiger Soldat ein. Der Hauptmann schlug gegen einer der hölzernen Bettpfosten, sodass alle im Raum verstummten. „Ruhe!“, rief er. Er wartete, ob die Ruhe auch anhielt, eher er seine Ansprache fortführte.

      Die Fortsetzung folgt in "Kapitel 2:Annäherung" !

      Lebwohl, kleiner Vogel!

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      So jetzt haste auch ein weiteren Like :D

      Ich finde den ersten Abschnitt sehr cool geschrieben. Man erfährt viel über den Charakter. Deine flotte Beschreibung erinnert mich an Tom Clancy, nur ohne die lästige Beschreibung einer Landschaft :D Der erste Abschnitt hebt sich sher vom Rest des Textes ab => Pluspunkt.

      Auch Kleinigkeiten im Wortwahl sind wichtig, wie du bereits hier zeigst:
      Die Doktoren des Militärlazaretts im Krolva-Distrikt hatten ihm einen komplizierten Knochenbruch im Bein diagnostiziert.

      Das Wort diagnostiziert passt hier besser als andere alternativen Wörter ;) Außerdem gibt es keine Doktoren im Militär, sondern Feldärzte. Zum flotten Schreibstil, kannst du Wörter streichen. Im vierten Abschnitt beispielsweise kannst du das Aufrufen der einzelnen Namen vor Arne Freimann einfach weglassen. So kann der Kommandant die 74. Aufklärungseinheit zuerst aufrufen. Als die Aufgeruften vortreten, kann der Kommandant im Hintergrund ja weiter aufrufen.

      Was ich auch gut finde ist, dass du jedem Charakter beschreibst und eine Bewegung zuschreibst.
      Zu allererst, danke für dein Feedback! Ich muss zugeben, hätte ich auch etwas mehr nachgedacht, wäre mir das mit den Feldärzten auch eingefallen... Ich habe mich nämlich vor einiger Zeit schon einmal mit den Arztstäben im Militär beschäftigt gehabt. Schande über mich.
      Was die Aufrufung angeht, diesbezüglich wollte ich einige Namen nennen, um es authentischer wirken zu lassen. Wäre er als erstes genannt worden, wäre das meines Ermessens nach spannungslos gewesen. Wenn du es als zu langwierig auffasst, dann werde ich mir dies natürlich für die spätere "Berichte" merken. Und du hast recht, er hätte weiter aufrufen können, daran hatt' ich nicht gedacht.

      Dankesehr für deine hilfreiche Kritik, ich werde sie mir zu Herzen nehmen.

      Lebwohl, kleiner Vogel!
      "...Die Sonne ist bereits untergegangen, und damit auch das Licht in dieser Welt. Ich friere. Meine Kleidung ist durchnäßt..Das Wasser geht mir auch bald aus, denn es regnet einfach nicht. Der Weg ist nicht mehr weit, doch meine Beine können ihr Gewicht kaum noch tragen. Aber ich muss es zurück schaffen. Das habe ich ihnen versprochen! Unser Schicksal ist der Tod, aber nicht dieser..."
      ~Arne Freimann (Auszug aus Eintrag zwei)


      Kapitel 2: Annäherung

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      „Auch wenn sie noch recht unerfahren sein mögen, das will ich auf keinen Fall bestreiten, sind sie nun Teil unserer Einheit. Das werdet ihr akzeptieren. Darauf haben sie ein Recht. Und nun stellt euch gefälligst vor, denn gerade seid eher ihr es, die sich wie rotznasige Rekruten verhalten!“ Seine Worte schienen ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben. Sofort nahm einer der Soldaten, der bisher noch nicht aufgefallen war, Haltung an. Er hatte dunkelblondes Haar, braungrüne Augen und war hochgewachsen. „Ich bin Martin Stutz, Soldat des Aufklärungstrupps. Ihr dürft mich Martin nennen. Ich kämpfe seit fünf Jahren für die Menschheit und habe mehr als fünfzehn Titanen ausgelöscht.“ Er schien unvoreingenommen und höflich zu sein im Vergleich zu den anderen Soldaten, jedoch war er auch deutlich jünger als der Rest des Trupps. „Mein Name ist Manfred Stein, Stellvertreter des Kommandanten. Seit zwanzig Jahren bin ich im Dienst und habe für den Aufklärungstrupp bisher über fünfzig Titanen bestätigt ausgeschaltet, zwanzig davon alleine“, stellte sich nun der blondhaarige, blauäugige Soldat förmlich vor. Arne war ziemlich überrascht. Seines Wissens überlebten nur ein halbes Dutzend Soldaten solch eine lange Zeit beim Aufklärungstrupp. „Meine Wenigkeit ist Werner Grin, ich kämpfe mit Manfred schon seit unlängst neun Jahren Seite an Seite. Auf mein Konto gingen bisher siebenunddreißig Titanentötungen“, erzählte der glatzköpfige Soldat. Nun trat ein Soldat mit kurz geschorenem goldenem Haar und braunen Augen vor. Mit kaum hörbarer Stimme stellte er sich vor, doch Arne verstand nicht viel. „... Ludwig Färber. …sieben Jahren hier…neunundzwanzig Tötungen…“. Danach folgte eine Weile Schweigen. Doch es hatten sich noch nicht alle Mitglieder der Einheit vorgestellt. Der Soldat, welcher die ehemaligen Kadetten als Grünschnäbel bezeichnet hatte, hatte bisher geschwiegen. Arne fuhr sich ratlos durch sein braunes, mittellanges Haar. Der Soldat indes merkte, dass von ihm erwartet wurde, sich nun ebenfalls vorzustellen, und schnaubte tief. „Hmpf, na gut. Ich bin Friederich Feldt, aber ihr redet mich gefälligst mit Herr Feldt oder Offizier Feldt an. Ich habe bereits acht Jahre im Aufklärungstrupp gedient und dabei über vierzig Titanen getötet. Macht das mal nach!“ Werner Grin rümpfte während des Vortrags mehrmals die Nase. Offenbar schien Feldt regelmäßig derart zu reden, nicht nur den Neuen gegenüber. Doch auch insgesamt erschien es Arne, als ob die Stimmung in dieser Einheit nicht gut war. Sein Magen fühlte sich flau an und er griff sich aus Gewohnheit an die Hüfte.

      „Nun gut, da wir das hinter uns hätten, können wir ja endlich zu den wichtigen Dingen kommen. Ich nehme an, ihr habt eure dreidimensionale Manöverausrüstung noch nicht vom Ausstatter bekommen?“, fragte der Hauptmann. Beide Rekruten nickten. Hain musste grinsen, ihm entfuhr aber auch ein verächtlicher Laut. „Pah, das sieht denen ähnlich. Schicken sie uns die Neuen, ohne sie erst einmal richtig auszustatten…“ Hain fasste sich ans Kinn und rieb leicht seinen grauen Dreitagebart. „Aber das können wir erst einmal aufschieben. Solange ihr in den neuesten Strategien unterrichtet worden seid, wird es wohl keine Probleme geben. Ihr werdet euch während eines Manövers nicht an uns halten müssen, ihr seid nun richtige Soldaten. Befolgt nur die Direktive.“ „Ja, Herr Hauptmann!“, riefen die beiden wie aus einem Munde. Es klopfte an der Tür. „Herein“, rief Hain. Die Tür öffnete sich und ein junger Mann in der Uniform eines Militärpolizisten trat ein. Er trug eine braune Hängetasche, dessen Tragegurt er sich über die linke Schulter geworfen hatte. Hains Augen verengten sich ein wenig beim Anblick des Abzeichens. „Ja, was ist?“, raunte er. „Hier ist eine Nachricht für sie, Hauptmann Hain“, verkündete der junge Bote etwas nervös. „Na worauf wartest du denn dann, gib‘ schon her!“ Der Bote griff hastig in die Tragetasche, holte dort wie erwartet einen Brief heraus und übergab diesen umgehend an Hain. Auf der Vorderseite prangte auf dem tiefroten Siegelwachs das Symbol des Aufklärungstrupps, die „Flügel der Freiheit“. Der Junge hatte es anscheinend eilig, wieder wegzukommen, drehte sich um und wollte schon zur Tür hinausgehen. „Warte gefälligst, bis ich den Brief gelesen habe!“, forderte Hain ihn auf. „J-ja natürlich, Verzeihung“, entschuldigte der Laufbursche sich. Hain riss das Siegel auf, entfaltete den Brief und las in einer recht hohen Geschwindigkeit die darin niedergeschriebenen Zeilen. Als er geendet hatte, nickte er dem Jungen wortlos zu, woraufhin dieser den Raum verließ und hinter sich die Tür schloß. „Schlechte Neuigkeiten?“, fragte Manfred Stein. „Wie man’s nimmt“, meinte Hain. „Die Expedition wird um einen Tag verschoben, weil ein Teil der aus Trost abkommandierten Truppen sich verspätet hat. Wir haben also noch etwas Zeit, uns vorzubereiten.“ Und damit drehte er sich um und verließ den Raum. Auch die anderen Soldaten erhoben sich, nach und nach verließen sie alle den Raum durch den Ausgang, den der Hauptmann genommen hatte. Als Werner Grin an ihm vorbeilief, murmelte er Manfred Stein etwas zu, doch Arne verstand nur: „…vielleicht noch aus Utopia dazu…? Stein verzog das Gesicht zu etwas, das aussah wie eine Mischung zwischen einem Schmunzeln und einem ernsten Blick. Nur Arne stand immer noch unbewegt in der Mitte des Raumes auf der Stelle. Seine Gieder fühlten sich kalt an und Unbehagen stieg in ihm auf. Doch auch dieses Unbehagen vermochte es nicht, die Leere zu füllen, die er zu fühlen begann. Seit damals, als er in die achtundneunzigste Traininigseinheit eingekehrt war, war ihm Kameradschaft wichtig gewesen. Die anderen dort waren schließlich wie seine Familie gewesen und er die Ihre. Die Nachricht, das einige von ihnen zu Tode gekommen waren, hatte ihn schwer bewegt. Doch konnte er sich nicht vorstellen, dass einer dieser Leute so für ihn empfinden würde. Er hatte sich die Eingliederung in den Aufklärungstrupp bei weitem nicht so vorgestellt. „Sie scheinen uns ja ungern aufzunehmen“, sagte eine Stimme hinter ihm. Er drehte sich schlagartig um. Dort stand das Mädchen, welches ebenfalls neu in der Einheit war. „Es scheint so“, bejahte er nickend. „Du warst Eßwein, richtig?“ Sie kicherte. „Nein, aber nah dran. Mein Name ist Gesa-Marie Weißweyn. Aber du darfst mich gerne Gesa nennen.“ Er lief etwas rot an. Ihm war etwas peinlich, dass er sie mit einem falschen Namen angeredet hatte. Jedoch wollte er sich damit nicht lange aufhalten. „Ähm, ich heiße Arne Freimann. Nur wenn du möchtest, kannst du mich Arne nennen.“ Gesa lächelte. „Gut, Arne. Was machen wir nun?“ Das war allerdings eine gute Frage, denn der Hauptmann und die anderen waren ja ohne ein weiteres Wort gegangen. Dann fiel ihm jedoch wieder etwas ein. „Wir sollten am besten erst einmal zum Militärausstatter gehen, um uns unsere dreidimensionale Manöverausrüstung abzuholen.“ „In Ordnung, dann tun wir das“, sagte sie.

      Nachdem sie durch die Straßen der Stadt geirrt waren und einige Bürger nach dem Weg gefragt hatten, fanden sie zu einem großen, zweistöckigen Steingebäude, dem Materialausstatter des Militärs. Sie traten durch die hölzerne Eingangspforte hinein und standen in einem mit Holz ausgekleideten Innenraum. Sogleich trat ein Mann mit furchigem Gesicht und mausbraunem Haar auf sie zu. „Ihr seid neue Rekruten, nicht wahr?“, fragte er. „Genau. Wir sind hier, weil wir unsere Ausrüstung benötigen, die 3DMA.“ Er nickte und führte sie sogleich in ein Nebenzimmer. Dort lagen auf einem Tisch bereits die metallenen Kästen und ihre einzelnen Düsen und Kabel aus. Nach kurzer Anprobe verließen beide wieder den Ausstatter, im Schlepptau die erlangten Geräte. An der Tür stieß er beinahe mit einer Person zusammen, die gerade eintrat. „Oh, Verzeihung!“, rief er beschwichtigend. Er blickte auf. Arne war mit einem Meter fünfundsiebzig nicht gerade klein geraten, doch trotzdem musste er aufsehen, um seinem Gegenüber ins Gesicht zu blicken. Es war Ludwig Färber. „…Kein Problem…“, nuschelte dieser vor sich hin. Er schritt ohne weiteren Kommentsr an Arne vorbei und ging zu dem älteren Mann, der eben noch die Beiden beschäftigt hatte. Der Mann schien zu wissen, weshalb Färber gekommen war und führte ihn sogleich in das erste Stockwerk. Arne wandte ihm den Rücken zu und verließ das Gebäude, gefolgt von Gesa.


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      Vor dem Gebäude schien ein weiteres Mitglied ihrer Einheit zu warten. Es war Martin Stutz, der jüngste vor den Rekruten. „Ah, Freimann und Weißweyn also!“, rief er aus. „Wie ich sehe, habt ihr euch pflichtbewußt direkt die Ausrüstung geholt. Sehr gut. Ich warte nur noch auf Ludwig. Ihr könnt mit mir warten! Danach können wir gemeinsam zurück.“ Arne und Gesa stimmten zu und verblieben mit Stutz. „Haben sie uns mit Absicht einfach stehen gelassen?“, fragte Gesa nach kurzer Zeit gerade heraus. Stutz schmunzelte. „Nunja, der Hauptmann meinte, so könnte man am besten sehen, wie ihr euch orientiert und wie ihr vorgeht. Und das stimmt ja auch. Dass ihr zielgerichtet zum Lager gegangen seid, spricht für euch. Wilhelm ist damals angeblich erst einmal eine Runde stiften gegangen. Naja…“, er wich aus und sog einmal übertrieben tief Luft ein und aus. In diesem Moment trat Färber aus der hölzernen Flügeltür heraus und kam die kurze, steinerne Portaltreppe zu ihnen hinuntergestiegen. „Ah, da bist du ja. Dann können wir ja jetzt los“, verkündete Stutz und signalisierte mit dem linken Arm, den er im rechten Winkel zu den Schultern nach oben hielt, in welche Richtung sie ihm zu folgen hatten.

      Sie schritten voran und kamen schließlich an den Fluß, der das Distrikt Shiganshina durchzog. Sie folgten eine Weile dem Lauf des Flußes. Da der Abstand zu den Häusern hier höher war, konnte Arne einen besseren Blick über den Distrikt erhaschen. In der Ferne konnte er die Mauer Maria sehen, die im abendlichen Rot die Stadt vollkommen umschloß. Arne war dieser Anblick noch ungewohnt. Er war einen Zweistundenritt von Mauer Rose aufgewachsen und hatte nur spärlich einen Blick auf dieses kolossale Bauwerk erhaschen können. Jetzt, wo er so nah an der Schwester seiner Heimatpatronin war, erreichte ihn die Dimension des gewaltigen Walles. Es war etwas, das über das Werk von Menschenhand hinausging und viel mehr etwas übermenschlichem oder göttlichen ähnelte. Obgleich er die Anhänger des Mauerkultes mit eher nüchternem Blick betrachtete, so konnte er doch nicht bestreiten, dass diese Wehranlage einer Person dieses gewisse Gefühl abringen konnte. „Hey, Freimann!“, rief Martin Stutz. Arne zuckte zusammen und merkte, dass er stehen geblieben war. Die Drei blickten ihn verwundert an. „Verzeihung“, bat er. „Kein Problem, aber komm jetzt. Es ist Zeit!“, meinte Stutz. Arne wusste nicht, was der Soldat damit meinte, aber er folgte ihm ohne weitere Fragen. Nach insgesamt einer guten halben Stunde erreichten sie ihr Ziel. Sie blieben vor einem hölzernen Blockhaus stehen. Vor dem Gebäude standen einige Mitglieder des Aufklärungstrupps, der Mauergarnison und vereinzelt auch von der Militärpolizei. Manche gingen hinein, manche hinaus. Und sie gingen direkt auf eine Gruppe von Aufklärungstrupplern hinzu. Bei näherem Hinsehen konnte Arne seine Einheit erkennen. Er griff sich an die Hüfte. Nach dem weiten Fußweg pochte sie erneut unangenehm. „Wie ich sehe, habt ihr den Weg gefunden, Soldaten“, sprach Hauptmann Jörk Hain sie direkt an. „Auf dem direkten sogar, Hauptmann“, verkündete Stutz. Färber nickte still aber bestärkend. „Sogar das. Nun, ich denke wir können nun hineingehen“, meinte Hain. Als sie eintraten, kam ihnen die laute Geräuschkulisse einer Kneipe entgegen. An den Holztischen des Zimmers saßen auf Holzstühlen unzählige Soldaten, die Bar war fast vollkommen gefüllt. Gerade für sie alle reichte noch ein letzter Tisch. Sie setzten sich und der Hauptmann orderte sogleich einen Krug Schwarzbier für jeden. „I-Ich trinke aber nicht. Das heißt, ich habe noch nie getrunken“, gab Gesa zu. „Macht nix, Kleine“, meinte Manfred Stein, nun nicht mehr so förmlich wie bei seiner Vorstellung. „Jeder fängt damit mal an.“ Gesa hielt ihre Hände zusammen und drückte beide Zeigefinger aneinander. „Naja, ich weiß nicht“, zögerte sie. „Keine Sorge, wir passen auf, dass du dich nicht übernimmst“, sagte Martin Stutz. Das schien sie zu überzeugen und sie nahm einen Schluck. Doch sofort verzog sie das Gesicht. „Wie bitter“, entfuhr es ihr. Sie erntete fröhliches Gelächter vom Rest der Gruppe und den umliegenden Tischen.

      Während die restliche Einheit mit Gesa beschäftigt war, lehnte sich Martin zu Arne herüber. „Sag mal, wie alt bist du eigentlich?“, fragte er ihn. „Ich bin siebzehn, werde aber bald achtzehn“, antwortete er. „Und ihr, wenn ich fragen darf?“ Martin verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte verschmitzt. „Na klar, keine Scheu! Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt.“ Er wandte sich leicht den anderen zu. „Ludwig dort ist etwas älter als ich, fünfundzwanzig“, sagte er mit gedämpfter Stimme und deutete leicht auf Färber. „Friederich dieser arrogante Gockel ist meines Wissens neunundzwanzig Jahre alt“, meinte er und deutete auf Feldt. „Manfred ist vierzig und Werner siebenundreißig Jahre alt. Und der Hauptmann ist einundvierzig.“ Arne nickte und nahm einen Schluck vom Bier. Es war zwar nichts besonderes, aber er genoß es trotzdem in vollen Zügen. „Und woher kommst du?“, fragte Martin weiter. Arne schluckte den Zug Bier, den er gerade genommen hatte, herunter ehe er antwortete. „Unweit vom Krolva-Distrikt hinter Mauer Rose gibt es ein kleines Dorf namens Weyervern. Dort bin ich aufgewachsen, gemeinsam mit zwei Brüdern und einer Schwester.“ Ein überraschter Laut entfuhr Martin. „Ich komme aus Brey, das ist kaum zehn Kilometer östlich! Das kennst du bestimmt“ Er nickte. Das Dorf war ihm in der Tat ein Begriff. Er war mit seinem Vater einige Male dorthin gependelt. „So ein Zufall!“, bemerkte Arne. Währenddessen prustete Gesa unter dem Genuß des Bieres. „Noch eines!“, verlangte sie und klopfte ihren Krug demonstrativ auf den Holztisch, sodass dieser laut polterte. „Ich denke, das wäre keine gute Idee“, riet Hain ihr und konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Gesa machte einen enttäuschten Laut, der leicht vom Lärm des Gastraumes überdeckt wurde. Sie verblieben noch einige Stunden am Tisch der Schenke. Dann schob der Hauptmann seinen Holzstuhl zurück und stand auf. „Wir sollten für heute Schluß machen. Morgen werden wir immerhin aufrecht auf einem Pferd sitzen müssen, und deshalb wäre es im Interesse einiger“, er schaute Gesa mit einem kurzen Seitenblick an, „zu Bett zu gehen.“ Ein einwilligendes Raunen war zu hören und sie verließen das Gasthaus. Sie kehrten zurück zur Kaserne und wurden Gemeinschaftsräumen zugeteilt. Arne kam mit Friederich Feldt und Ludwig Färber in einen Raum. Er begab sich sofort zu Bett und schlief auch alsbald ein.

      Am nächsten Tag wurden sie früh geweckt. Arne rieb sich die tiefbraunen Augen und zog seine neue Uniform des Aufklärungstrupps an. Dann verließ er gemeinsam mit Ludwig und Friederich das Zimmer und ging in den Essenssaal der Kaserne. Dort nahm er sich ein Brot und setzte sich dann an einen Tisch. Die anderen Mitglieder der Einheit kamen bald hinzu. Gesa setzte sich ihm gegenüber. Sie sah noch etwas müde aus, aber Arne war der Meinung, dass sie wegen des Bieres am Vorabend recht gut geschlafen haben müsste. Nach dem Frühstück machten sie sich aufbruchsbereit. Sie gingen zu den nahen Stallungen und sattelten die Pferde. Arnes Pferd hieß „Räger“, er besaß es schon seit bereits einem Jahr. Doch viel reiten hatte er nicht können während seiner Verletzung. Als er fertig war, schnallte er sich die 3DMA um, ehe er das Pferd vor die Stallungen führte. Dort stand schon eine Gruppe von Soldaten der Aufklärungslegion und wartete bereits zu Pferde auf den Beginn der Mission. Arne reihte sich in die Formation ein, die anderen folgten ihm. Bald kamen weitere Soldaten hinzu, die er noch nicht kannte. Manfred Stein, der zu seiner Linken stand, deutete auf eine Gruppe von acht Soldaten, die in geschloßener Gruppe ihre Pferde zur Formation führten. „Sieh Freimann, das sind wahre Größen des Aufklärungstrupps. Der Mann an der Spitze ist Erwin Smith. Er ist ein Anwärter auf das Amt des Kommandanten. Direkt hinter ihm, der kurze Mann, das ist Hauptgefreiter Levi. Nach Erwin ist er der wichtigste Soldat des Trupps. Hinter ihm sind Hanji Zoe und Mike Zakarius, ebenfalls lebende Legenden. Sie sind ausgezeichnete Soldaten.“ Er grinste Arne an. „Wenn du überlebst, kannst du vielleicht auch eines Tages so werden wie sie!“ Arne setzte ein leicht verzweifeltes Lächeln auf. Er hatte wahrlich schon sehr oft darüber nachgedacht, dass er auf einer Mission außerhalb der Mauern sterben könnte. Doch nun, vor seinem ersten Ausritt außerhalb der Mauern war das Gefühl, das er nach diesem Gedanken verspürte, deutlich anders. Deutlich greifbarer. Deutlich realer. Verunsicherung. Er war sehr nervös. Doch er tröstete sich wie immer mit dem Gedanken, dann etwas wertvolles für die Menschheit erreicht zu haben, selbst mit seinem Tod. Auch war er es seinen Kameraden schuldig. Für sie musste er alles geben. „Achtung“, rief der Kommandant. Arne schreckte aus seinen Gedanken hoch, salutierte und blickte zur Spitze der Formation. Der Kommandant hatte dort auf seinem Pferd aufgeseßen und begann nun seine Rede. „Heute beginnt die siebenundzwanzigste Expedition des Aufklärungstrupps hinter der Mauer Maria. Im Auftrag der Menschheit werden wir aufbrechen in neues Gebiet, dass seit Jahrhunderten von Menschenaugen nicht erblickt wurde.“ Die Menge schwieg erfurchtsvoll. Arne blickte herüber zu seiner Einheit. Alle wirkten konzentriert auf die Rede. Nur Gesa wandte sich ihm zu und grinste ihn freundlich an. Er lächelte zurück. „Und nun, Aufklärungstrupp marsch!“

      Die Fortsetzung folgt in "Kapitel 3: Aufbruch" !

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      „…Meine Hüfte schmerzt schrecklich. Das Gewicht scheint immer schwerer auf ihr zu lasten. Bald, bald habe ich es geschafft. Seit zwei Tagen bin ich nicht mehr auf Titanen gestoßen. Ich habe die Hoffnung, dass ich es schaffen kann. Doch gibt es auch keine Spur von anderen Soldaten des Trupps. Ich habe bereits drei Leuchtfeuer abgefeuert, ich habe noch zwei. Ich muss sie sinnvoll benutzen. Dunkle Wolken ziehen auf…“
      ~Arne Freimann

      (Auszug aus Eintrag drei)

      Kapitel 3:Aufbruch
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      Arne blickte über seine Schulter hinter sich. Das Tor in der Mauer Maria hinter ihnen schloss sich. Es gibt keinen Weg zurück, dachte er. Die Formation stob langsam auseinander, die Aufklärer breiteten sich flügelartig vom Haupttrupp aus. Arne war mit seiner Einheit dem vorderen linken Mittelflügel zugeteilt worden. Sie würden zu den ersten gehören, die einen Titanen erblicken würden. Dann würden sie sich an das neue Prozedere halten müssen. Erwin Smith hatte jene Prozedur erdacht und vor einiger Zeit war sie getestet worden. Trotz des immensen Fehlschlages der Mission wegen starker Regenfälle war der Test erfolgreich gewesen. Seitdem wurde die sogenannte Fernaufklärungs-Formation im Aufklärungstrupp bevorzugt verwendet, und ihre Erfolge zeichneten sich deutlich ab.

      Der Ritt dauerte bereits eine halbe Stunde, und hinter ihnen wurde die Mauer Maria immer kleiner. Sie umfasste nur noch einen schmalen Streifen am Horizont, sodass man sich kaum ersinnen konnte, welch gigantisches Bauwerk sich dort erstreckte. Während des gesamten Rittes hatte in der Einheit Schweigen geherrscht. Anders als am Vortag, als alle noch ausgelassen und froh gefeiert hatten, waren sie nun konzentriert und fokussiert auf ihre Mission. Arne wusste, dass sie sich vollkommen der Gefahren und der Wichtigkeit ihrer Aufgabe bewusst waren, als er in ihre Gesichter blickte. Und das war er nun auch. Ein kurzer Blick zu seiner Linken bestätigte, dass es Gesa ebenfalls so erging. Ihr sonst immer fröhliches, sommersprossiges Gesicht wirkte angespannt und aufmerksam. Dann wurde die Stille unterbrochen. „Titan voraus!“, rief ein Aufklärer aus der Richtung des linken Außenflügels. Im nächsten Moment knallte es laut und ein rötlicher Schimmer huschte über den Himmel. Ein Soldat hatte ein Fernaufklärungs-Leuchtfeuer aus seiner Pistole abgefeuert. Da es sich nur um einen normalen Titanen handelte, umritt der Aufklärungstrupp ihn einfach. Aus der sicheren Entfernung erblickte Arno das Wesen. Es war vollkommen nackt, und besaß nur auf dem Haupt kurzes Haar. Es hatte starke Ähnlichkeit mit einem Menschen, jedoch fehlten ihm die Organe, die ihn als Mann oder Frau ausweisen würden. Die großen, leicht dümmlichen Augen verfolgten Arne und die anderen recht aufmerksam, jedoch zeigte der Titan keine Intention, ihnen zu folgen. Es war Arnes erste Begegnung mit einem Titan gewesen. Er hatte sich diese irgendwie deutlich aggressiverer Natur ersinnt, wenngleich er glücklich war, dass es eben nicht so gekommen war. Und doch, die Augen des Titanen hatten in ihm mit ihrer Leere eine gewisse Angst ausgelöst. Diese Wesen sind also kaltblütige Mörder, die Menschen zum Spaß verschlingen, dachte er. Gänsehaut breitete sich auf seinem Körper aus. Diese Welt ist voller Gefahren, nun mehr denn je, sagte er sich. Doch würde er sich davon nicht aufhalten lassen. Er ritt weiter, neuen Mut schöpfend.

      Noch einige weitere Male sah er am Himmel roter Rauch aufsteigen, und noch einige Male wichen sie den Titanen aus, als wären sie bloße Felsen, Hindernisse in der Landschaft. Dann stieg, diesmal rechts vor ihnen, schwarzer Rauch zum Himmel auf. „Soldaten, aufrücken!“, rief Hauptmann Hain. „Geradewegs voraus trifft ein Titan auf die Hauptformation!“ Die Ausdrücke seiner Kameraden verrieten Arne eine Mischung aus Routine und Besorgnis. Ihr Galopp beschleunigte sich zusehends. Kurz darauf war der Titan auch schon in Sicht. „Ein Abnormer!“, stellte Stein lautstark fest. Der Titan hatte etwas dunklere Haut, struppiges, nussbraunes Haar, kroch auf seinen vier Gliedmaßen über den Boden und näherte sich dabei gefährlich der Mitte des Konvois. „Bleibt besser zurück“, meinte Friederich Feldt zu Arne und Gesa und sprang damit von seinem Pferd ab. Er zog seine rasiermesserscharfen Titanenklingen und aktivierte mit einem gesteuerten Hüftschwung seine dreidimensionale Manöverausrüstung. Die Stahlseile des Apparates wanden sich aus dem stählernen Gehäuse hinaus und landeten im fleischigen Körper des Titanen, wo sie sich mit ihren Ankern vergruben. Feldt zog sich heran und hielt die Klingen zum Einsatz bereit im Anschlag. Im rechten Moment schwang er sie und schnitt damit dem Titanen eine Sehne im linken Fuße durch. Der Titan brach auf allen Vieren zusammen. Ein anderer Soldat, dessen Namen Arne nicht kannte, schwang sich heran und schnitt zur Sicherheit am anderen Fuß dasselbe Stück Fleisch entzwei. Nun schwang sich seinerseits Ludwig Färber heran, die Anker in Nackennähe gesetzt. Mit einem schnellen Streich durchschnitt er die wunde Stelle des Titanen, welcher augenblicklich in sich zusammensank. Als wäre nichts gewesen, schwangen sich die Männer auf ihre Pferde zurück und nahmen wieder ihre Formation ein. „So sieht es also aus, wenn ein Titan stirbt…“, murmelte Arne. Man hatte ihn wohl gehört, denn Martin Stutz näherte sich ihm auf seinem Pferd. „Allerdings, so machen wir das beim Aufklärungstrupp! Auf offenem Gelände sind solche Angriffe jedoch um einiges schwerer als in Mauernähe oder unweit einer Baum- oder Felsformation, da ist Fingerspitzengefühl gefragt. Aber das wirst du auch schon noch lernen.“ Er lächelte Arne an. „Das hoffe ich“, meinte Arne nur. „Kleine, das gilt auch für dich. Nächstes Mal solltet ihr uns schon helfen können. Das habt ihr doch immerhin im Training gelernt, oder nicht?“ Gesa blickte ihn etwas irritiert an. „Aber Herr Feldt hat doch gesagt…“, begann sie. „Ach, kümmert euch doch nicht darum, was Fritz euch erzählt. Der Kerl hat bei uns nichts zu sagen, auch wenn er sich etwas auf seine Tötungen einbilden mag. Wir vertrauen alle Hauptmann Hain, und zwar aus tiefstem Herzen.“ Arne hatte verstanden. „Ich werde mein bestes geben, um euch beim nächsten Male eine Hilfe sein zu können“, versprach er. „Ich ebenfalls“, stimmte Gesa mit ein. Sie glitten wieder zurück auf ihre Positionen und ritten weiter wie gehabt.

      Eine Viertelstunde später sollten sie auch schon eine Chance darauf erhalten. Erneut ward ein „Titan voraus!“-Ruf zu hören, und alsbald erblickten sie auch schon das riesenhafte Ungetüm. „Ein Titan der Zwölf-Meter-Klasse, würde ich schätzen…“, meinte Werner Grin. Sie näherten sich auch diesem Titan mit erhöhtem Tempo. Es handelte sich dabei um einen aufrecht gehenden Titan, welcher mit einer doch recht enormen Geschwindigkeit unterwegs war. In einer knappen Minute würde er den Haupttrupp erreicht haben, und das würden sie verhindern müssen. Arne atmete einmal tief durch. Bleib ruhig. Auch wenn es eine Weile her ist, das hast du alles gelernt, du kannst das, sagte er sich selbst. Sie befanden sich langsam in einer ausreichenden Entfernung zu dem Titan. Arne atmete einmal tief ein und wieder aus. Dann sprang er aus dem Sattel empor und riss seine Beine in einer blitzschnellen Bewegung nach hinten. Ihn erreichte der Schwung seines 3DMA und augenblicklich schoss das elektrisierende Gefühl des Adrenalins durch seinen Körper. Mit gezogenen Klingen feuerte er die Ankerseile auf den Titanen ab. Er traf den Titanen zwar, jedoch nicht in der Nähe des Halses, sondern an der rechten Schulter. Er fluchte. Das Zielen mit der 3DMA war etwas gewesen, das sonst eigentlich recht gut gekonnt hatte. Der schwarzhaarige Titan, welcher einen leicht nachdenklichen Gesichtsausdruck besaß, schien ihn zuerst nicht zu bemerken. Doch als er sich rasant näherte, bewegte er zuerst leicht den Kopf, als hätte er ihn bemerkt. Dann schwang er den Arm nach Arne. Es war schon zu spät, um den Eisendraht noch einmal zu entkoppeln. Er kam immer näher, und der Arm des Titan raste auf ihn zu. Behändig manövrierte Arne sich geradeso noch am Arm vorbei. Er entkoppelte den Anker, glitt über sein Ziel hinaus und machte einen halben Salto. Nun befand er sich in der freien Schwebe, kopfüber entfernte er sich leicht vom Titan und konnte direkt auf den Nackenbereich des Titanen zielen. Er feuerte den Eisendraht noch einmal ab, und diesmal traf er präzise an den unteren Haaransatz des Titanen. Er zog sich sogleich heran und holte zu einem Schlag aus. Der Titan versuchte, sich zu ihm herumzudrehen und hinter sich zu greifen. Seine linke Hand kam ihm gefährlich nahe. Doch dann raste ein brauner Schatten heran, der den Arm des Titanen mit einem präzisen Schnitt vom Ellenbogen an abtrennte. Es war Gesa, die ihm im vorbeigleitenden Flug zunickte. Er hatte nun fast den Nacken erreicht und holte zum tödlichen Schlag aus. Die beiden Klingen schnitten durch das verwundbare Fleisch beinahe wie Butter. Der Nackenteil löste sich durch den Schwung vom Körper ab und fiel herunter in Richtung des Bodens. Während der Titan, unfähig zu weiterer Gegenwehr nach vorne zu gleiten begann, trat sich Arne vom Rücken des Titanen ab, um beim Aufprall des Titanen nicht zu Boden zu stürzen. Der Titan schlug auf dem Boden auf und Arne rollte sich auf seinem Rücken ab.


      Lebwohl, kleiner Vogel!
      (2/2)
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      „Gute Arbeit, Freimann und Weissweyn!“, lobte sie Hauptmann Jörk Hain. Auch die anderen Soldaten ihrer Einheit verliehen ihrer Bewunderung Ausdruck, bis auf Friederich Feldt, der es vorzog, dies nicht zu kommentieren. Sie befanden sich inzwischen wieder im Sattel und ritten in Formation weiter. „Ich bin tatsächlich beeindruckt von euren Leistungen. Doch lasst euch diesen Erfolg ja nicht zu Kopfe steigen, wir wollen nach dieser Expedition nicht schon wieder Soldaten zu Grabe tragen müssen“, mahnte sie Hain. Gesa und er nickten überdeutlich. Sicher wusste er, dass auch er keineswegs unsterblich war. Auch hatte er recht viel Glück gehabt, denn neben seiner Fertigkeit, mit der 3DMA umzugehen, war er im Titanenkampf nur mittelmäßig gewesen. Jedoch konnte er nicht verleugnen, dass diese Erfahrung in ihm ein einmaliges Gefühl hinterlassen hatte. Seinen Körper hatte er in jenem Moment gar nicht mehr fühlen können, und doch wieder mit jeder Faser. Kein Gedanke hatte in seinem Kopf geklungen, und doch war er in diesem Moment lebendiger gewesen als selten zuvor. Die Empfindung, die er gehabt hatte, war in der Tat unbeschreiblich gewesen.

      Kundschafter hatten eine Meile westlich von ihnen einen geeigneten Platz für ein Nachtlager gefunden. Da die Sonne bereits tief am Himmel stand, machten sie sich auf dorthin. Zwar waren sie nachts vor den Titanen halbwegs sicher, doch hatten sie auch keine Möglichkeit, das Gelände um sie herum einzusehen und einzuschätzen. Die Landschaft, die zuvor fast durchgehend aus weiten Grasflächen bestanden hatte, wurde nun zunehmend felsig und baumbewachsen. Sie mussten nun etwas enger beieinander reiten, damit ein Vorankommen bei diesen Geländeumständen möglich blieb. So kam es, dass links von ihm Ludwig, rechts Gesa, beide nur mit einem Meter Abstand zu ihm, ritten. „Ich… Ich wollte dir übrigens für vorhin danken“, entfuhr es Arne plötzlich. Gesa wandte sich verwundert zu ihm. „Wie meinst du das?“, fragte sie. „Na, du hast seinen Arm abgetrennt, weil du gesehen hast, dass er mich kriegen würde. Ohne dich wäre ich vorhin vielleicht schon gestorben“, stellte er fest. „Aber das ist doch nichts, wofür du dich bedanken müsstest!“, rief sie fast aufgebracht. „Wir sind doch Kameraden, schon vergessen“, fügte sie schmunzelnd hinzu. „Du würdest sicher jederzeit dasselbe für mich tun.“ Die Bäume und Steine wurden derweil in ein sanftes, abendliches Gelb getaucht, das vom Horizont aus auf sie hinunterstob. „Wunderbar, dieser Anblick, nicht wahr?“, fragte sie ihn. „Ja“, antwortete er. „Es erinnert mich an meine Heimat. Als ich noch ein Junge war, ging ich abends oft mit meinem großen Bruder und meiner kleinen Schwester hinauf auf den Hügel Brevis nahe unserem Dorf. Von dort aus konnte man immer wundervoll den Sonnenuntergang beobachten. Und wenn ich einmal nicht daheim bin, erinnere ich mich, dass doch überall gleich die Sonne unter- und wieder aufgeht. Ich beobachte den Sonnenuntergang, und weiß ganz genau, dass ich nachhause zurückkehren werde.“ Sie hörte ihm aufmerksam zu. Als er geendet hatte, nickte sie andächtig. „In der Nähe meines Dorfs konnte man die Sonne immer über einem See untergehen sehen. Die untergehende Sonne spiegelte sich dann im See. Es war wunderschön.“ Arne durchströmte bei diesem Gedanken ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit. „Das klingt nach einem schönen Ort“, meinte er. Sie nickte. „Vielleicht kann ich ihn dir ja irgendwann einmal zeigen“.

      Als die Truppe auf dem Pass, auf dem sie sich inzwischen befand, eine Biegung machte, erblickten sie einen kleinen Bach, der parallel zum Weg verlief. Er plätscherte beherzt vor sich hin. Sie stiegen reihenweise von ihren Pferden und füllten ihre Feldflaschen auf. Danach schritt die Kolonne stockend weiter voran. Nach einer guten halben Stunde hatten sie schließlich ihr Ziel erreicht. Es handelte sich dabei um eine leicht erhöhte Lichtung, von der aus man das umliegende Gelände weitflächig einsehen konnte. Sie sattelten die Pferde ab, machten sie fest und begannen, ein Nachtlager aufzuschlagen. Nachdem sie ihre Ein-Mann-Zelte aufgeschlagen hatten, wurde in Gruppen Feuerholz gesammelt. Bald war jedoch auch diese Arbeit verrichtet und sie fachten ein wärmendes Lagerfeuer an, an welches sich Arne auch gleich setzte. Denn trotz des Umstandes, das den ganzen Tag lang die Sonne geschienen hatte, war es inzwischen schon Herbst geworden. Noch war das kaum wahrnehmbar, alles sah noch recht sommerlich aus. Doch bald würden sich die Blätter an den Bäumen verfärben, die Temperaturen sinken und der Nachtfrost würde einsetzen. Arne hoffte jedoch, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt schon lange wieder an die Mauer Maria zurückgekehrt sein würden. Während er am Feuer saß und so vor sich hin dachte, kamen auch die anderen hinzu. Gesa setzte sich zu seiner Linken, Martin zu seiner Rechten. „Keine Verluste, keine Verwundeten, keine Ausrüstung beschädigt. Für den ersten Tag der Expedition war das doch eigentlich recht gelungen, findet ihr nicht auch?“, meinte Martin. Arne war der gleichen Meinung. Bisher war ihm diese Expedition viel angenehmer erschienen, als er es erwartet hätte. „Nun mal immer ruhig mit den jungen Pferden, Martin!“, rief Manfred Stein leicht verärgert. „Du vermittelst den Rekruten noch ein falsches Gefühl von Sicherheit, das sie hier draußen besser nicht haben sollten. Hier draußen ist man niemals sicher, lasst euch das gesagt sein. Auch wenn ihr hier bei der Truppe relativ geborgen sein mögt, kann hier außerhalb der Mauer alles passieren.“ Sein Gesicht strahlte eine gewisse Ernsthaftigkeit aus, die dafür sprach, dass er derartige Erfahrungen bereits gemacht hatte. „Ach Manfred, sie direkt zu verschrecken macht doch aber genauso wenig Sinn. Außerdem ist das, was du gesagt hast, nicht richtig“, meinte Martin. Stein zog mit steinerner Miene eine Augenbraue hoch. „Wie bitte?“ fragte er. Stutz grinste. „Na, du weißt doch, dass ich mal auf einem Gestüt für Militärpferde gearbeitet habe. Es gibt keine jungen Pferde, die heißen Fohlen“ Gesa musste leicht prusten, und auch Arne konnte sich ein schwaches Feixen nicht verkneifen. Färber, der gegenüber von ihnen saß, brach in einen Lachanfall los, bloß dass man sein Gelächter seltsamerweise nur als kaum hörbares Nebengeräusch wahrnehmen zu vermochte. „Du magst zwar auf demselben Befehlsrang wie ich verweilen, aber ich bin dennoch weitaus älter als du. Irgendwann kommt der Tag, an dem ich dir den Hintern versohle, wenn du zu frech wirst!“, sagte Stein mit bedrohlich ruhiger Stimme. Es war eine leere Drohung, das war offensichtlich. Dennoch schwiegen sie, bis Stein aufgestanden, und zu anderen Offizieren hinübergegangen war. „Ich fürchte, ich habe ihn etwas gekränkt“, gestand Stutz. Arne musste schmunzeln. „Ach was, so schlimm war’s doch nicht. Er wird sich bestimmt beruhigen.“ Strutz nickte und stand ebenfalls auf. „Ich müsste mal was erledigen.“, meinte er bloß, ehe er davon stiefelte. „Es…es ist kalt geworden“, meinte Gesa etwas zögerlich und rückte unmerklich in seine Richtung. „Ähm, ja du hast recht“, stimmte er zu und erinnerte sich an seine Kinderstube. Er nahm seinen Umhang und reichte ihn ihr. Sie strahlte daraufhin, was ihn etwas irritierte, doch er beließ es dabei. „Weißt du, als ich mich entschied, zum Aufklärungstrupp zu gehen, erklärten mich all meine Kameraden für verrückt“, begann sie. „Geh doch zur Mauergarnison, so wie wir, dort ist es sicher, meinten sie. Ich habe es ihnen immer wieder zu erklären versucht. Ich bin mit dem Ziel zum Militär gegangen, um etwas zu bewegen. Wir leben hinter diesen Mauern zwar sicher, aber es muss doch auch einen Weg geben, um unser altes Land, das wir an die Titanen verloren, zurückzuerobern. Ich will, dass die Menschheit eines Tages frei sein kann. Und ich glaube, wir teilen diesen Traum.“ Sie hatte vollkommen recht. Jahrhunderte lang hatte die Menschheit ohne die Fähigkeit auf Gegenwehr hinter den schützenden Mauern verharrt. Doch nun konnten sie sich wehren. Und das war ihre Chance, die Titanen zurück zu zwingen, woher auch immer sie gekommen sein mögen. Seit seiner Kindheit hatte er sich gewünscht, dass sein Volk eines Tages wieder die Freiheit besitzen könnte, von der es einst verfügt hatte. „Einen Traum“, wiederholte er. „Doch es liegt an uns, ihn zu verwirklichen.“ Sie blickten gemeinsam hinauf zum Mond, welcher zu dieser Nacht fast voll geworden war. „Ja, das tut es“, sagte sie.


      Die Fortsetzung folgt in "Kapitel 4: Kampf" !

      Lebwohl, kleiner Vogel!

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Ahiru Yukitori“ ()

      Meinst du die Kapitellänge an sich oder vielmehr die Absatzlänge?
      Nun, nachdem sie erfolgreich den Test am ersten Tag bewältigt hatten (Den Gang zum Ausstatter), gab man ihnen mehr oder weniger die Chance, sie zu überzeugen dass sie falsch lagen. Nach der Ansprache des Hauptmanns hatten sie ja auch eingesehen, dass sie ziemlich voreingenommen waren. Einzig und allein Friederich Feldt macht keinen Hehl daraus, dass er mit den neuen Kameraden nicht einverstanden ist. Die anderen Mitglieder der Einheit lassen die Neulinge sich jedoch erst einmal versuchen. Und im Einsatz müssen Soldaten des Aufklärungstrupps nunmal zusammen halten, sonst überleben sie nicht lange. Die Expedition hinter der Mauer schweißt die Einheit irgendwann zusammen. Hälst du diesen Wandel für ungut?
      Und erneut danke für deine sinnvolle Kritik, ich bin froh, dass ich von dir immer Rückmeldungen erhalte!

      Lebwohl, kleiner Vogel!

      Ahiru Yukitori schrieb:

      Meinst du die Kapitellänge an sich oder vielmehr die Absatzlänge?

      Die Expedition hinter der Mauer schweißt die Einheit irgendwann zusammen. Hälst du diesen Wandel für ungut?

      Und erneut danke für deine sinnvolle Kritik, ich bin froh, dass ich von dir immer Rückmeldungen erhalte!

      Nichts du danken. Schließlich liegt in dir ein großes Potenzial. Ja, du übertriffst sogar mich um Welten. Das ist nunmal Tatsache. Und nein, das ist keine Ironie.

      Ich halte die Expedition zum Zusammenschweißen der Einheit für einen gewöhnlichen Wandel. Das sieht man auch im Spin-Off „No Regrets“. Das ist weder schlecht noch gut, sondern normal. Jedoch kann man die Charaktere nicht sogut nachvollziehen, warum sie dem Aufklärungstrupp beigetreten sind. In „No Regrets“ beispielsweise war es die Armut und die Sehnsucht nach Freiheit, die Levi & Co antrieben Soldaten zu werden.
      Im ersten Kapitel erfährt man, dass Arne seine Kameraden verloren hat, während er medizinisch behandelt werden musste. Das erste Kapitel fand ich sehr gut gelungen. Im zweiten Kapitel haste gezeigt, dass die Charaktere alle verschieden sind. Auch ein Pluspunkt. Am Ende von Kapitel 3 erfährt man mehr über Weißweyn, was allerdings zu kurz kam.

      Mit Länge meine ich die Länge, um eine Spannung aufzubauen. Bei dir wären es zwei Seiten. Im zweiten Abschnitt des 2. Kapitels stehen Weißweyn und Arne allein im Raum. Da kommt doch Unbehagen auf, oder?! Jedoch wird dieses Unbehagen nicht näher beschrieben, sondern von Weißweyn gesagt. Warum ist das Unbehagen wichtig für den Spannungsaufbau? Nun, die Soldaten werden an einer Expedition teilnehmen und da müssen sie als Organismus funktionieren. Und so ein Unbehagen ist für Arne, denke ich mal deprimierned. Zudem hat er seine Kameraden verloren. Für Arne ist Kameradschaft wohl wichtig. Für ihn ist es also umso deprimierender, in solch eine Truppe gelandet so sein, wo er Kameradschaft erwartet, einfach nicht vorhanden zu sein scheint.
      Am Ende von Kapitel 2 bricht Arne und seine Truppe in die Außenwelt. Da muss er doch ziemlich aufgeregt sein. Fühlt er sich seiner toten Kameraden verantwortlich Titanen zu töten?
      Im Kapitel 3 hat Arne gekonnt ein Titan erlegt. Das wäre aber für ein Anfänger aber nicht selbstverständlich.
      Es spricht nichts dagegen aus Feldt einen Hass-Charakter für die Leser zu machen. Vielleicht hänselt er Arne, dass Arne die Expedition nicht überleben wird.

      In „No Regrets“ haben Fragon und Sayam Levi & Co auch dauernd unnötig zurechtgewiesen. Doch als Levi einen Titan tötet, waren sie umso überraschter.

      ich weiß, dass ich viel kritisiere. Aber das zeigt auch, dass dein Fanfiction gelungen ist. Das zeigt auch deine drei Likes.
      Dankesehr für das Kompliment, das bedeutet mir eine Menge! ^^
      Ja, du hast vollkommen recht bei deinem ersten Argument, jedoch hatte ich auch noch vor, weitere Hintergrundgeschichten in zukünftigen Kapiteln zu beleuchten. Arnes und Gesa-Maries wurden ja bisher schon etwas erzählt, jedoch soll auch dort noch etwas hinzukommen.

      Mit dem Thema Spannungsaufbau hast du einen Nerv getroffen! Als ich das las, musste ich noch einmal alles von mir geschriebene überfliegen. Und du hast ins schwarze getroffen, das ist etwas, an dem ich in Zukunft arbeiten muss. Aber ohne dich hätte ich das auch glatt weiterhin übersehen. Vor allem im Bezug auf Arnes persönliche Wahrnehmung.

      Zu Arnes Titanentötung, ich weiß nicht, ob ich das falsch dargestellt habe, aber das war weniger Können und Geschick als mehr Glück als Verstand. Gesa half ihm auch noch zusätzlich. Er ist kein Levi, das ist ja wohl klar. Und Feldt schwieg dabei auch, weil er seine Leistung nicht anerkannte. Auch Hain erkannte das Glück in der Leistung, weshlb er ihn zur Vorsicht ermahnte.

      Ich überlege, die betreffenden Stellen noch einmal neu auszuarbeiten, damit die Darstellung dem gewollten entpricht.

      Ich bitte dich, weiterhin so kritisch deine Meinung abzugeben, das hilft mir wie gesagt gut weiter (du bist nebenbei auch quasi mein einziges konkretes Feedback :D)!

      Lebwohl, kleiner Vogel!
      Es gibt eine Weisheit unter Autoren: Der beste Kritiker ist der Autor selbst.

      Der Leser kann nur sein Empfinden widergeben.
      Dies gilt auch für mich, weil ich kein ausgebildeter Lektor bin.

      Ich lese deine Texte gerne. Dein erstes Kapitel birgt großes Potenzial. Das meine ich ernst. Du hast ein leichtverständlichen Schreibstil. Da beneide ich dich einfach. Bei dir sieht alles so einfach aus. Ich muss da meine Texte schon mindestens dreimal überarbeiten, damit meine texte verständlich sind.
      Ja, ich bin auch ein sehr selbstkritischer Schreiberling, aber umso wichtiger ist mir eine Zweitmeinung. Diese ist nicht dazu da, um eine Meinung zu bekräftigen oder zu entschärfen, sondern einfach um zwei unterschiedlicher Meinungen eingeholt zu haben. Die letzten Kapitel entstanden in nächtlicher Arbeit, und dabei gingen offenbar auch ein paar meiner Gedanken zur Geschichte in bloßer Interpretation unter. Einige Punkte aus deiner vorangegangenen Kritik beispielsweise sprachen wirkliche Ansichten von mir an, die aber in meiner Niederschrift zu später Stunde verloren gingen. Ich sollte mir angewöhnen, meine Texte ausgiebiger zu kontrollieren.

      Ich bin auch sehr dankbar, dass ich diesen Schreibstil besitze. Früher fiel es mir sehr schwer, anderen meine Standpunkte mitzuteilen. Doch mit den Jahren verbesserte ich stetig durch willenhaftes Üben meine Schreibkunst, bis ich zum heutigen Punkt gelangt bin. Ein breiter Wortschatz, regelmäßige Übungen und Fantasie sind das Geheimis, will ich also meinen. Vielleicht noch einen Anteil an Wortgewandtheit, der meiner Ansicht von Ästhetik entspricht. Klassische Literatur mochte ich auch schon immer ein bisschen, weshalb ich mich auch daran an meiner Wortwahl orientiere. Ich bin aber sicher, dass du mit genügend Übung auch besser werden kannst. Und soweit ich weiß, ist Deutsch doch auch nicht deine Muttersprache. Das ist noch ein zusätzlicher Schwierigkeitsgrad, den ich nicht habe. Ich finde aber auch so, dass deine Texte immer ein gewisses, besonderes Einfallsreichtum haben. Das meine ich auch ernst. Was ich bisher so zu Record of Getöteten gelesen habe, finde ich gut. Du bringst immer deinen Humor mit herein, der dem Text seinen eigenen Charme verleiht. Das gefällt mir auch gut.

      Lebwohl, kleiner Vogel!
      „Hoffnung. Hoffnung ist das einzige, was mir jetzt noch bleibt..Seit zwei Nächten habe ich nun schon nicht geschlafen. Meine Erschöpfung ist nun schon so weit vorangeschritten, dass ich mich wundere, dies hier noch niederschreiben zu können. Meine Kräfte schwinden…“
      ~Arne Freimann (Auszug aus Eintrag Vier)

      Kapitel 4: Kampf
      (1/2)
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      Am nächsten Morgen wurde das Lager früh aufgelöst. Die Sonne war noch nicht ganz am Himmel aufgestiegen, als sie die Zelte packten. Nach einem viel zu kurzen Frühstück wurde Arne von Hauptmann Hain zu sich gerufen. „Arne ich habe eine Aufgabe für dich. Bevor wir den Marsch fortsetzen, müssen die Wasservorräte neu aufgefüllt werden. Deshalb will ich, dass du gemeinsam mit Friederich, Ludwig und einem Teil der 73. Aufklärungseinheit zum Flusslauf zurückkehrst, an welchem wir gestern vorbeiritten.“ Arne gab zu verstehen, dass er verstanden hatte, und wollte gerade kehrtmachen. „Und Freimann! Trotz deines gestrigen Erfolges bist du noch kein fester Teil der Einheit, auch wenn dir das so erschienen sein mag. Du bist noch jung und unerfahren. Ähnlich wie ich in meinem Alter. Lass dir eines sagen: Das Vertrauen deiner Kameraden kann dir öfter das Leben retten als dein eigenes Können.“ Damit wandte er sich ab und ließ Arne nachdenklich zurück. War es wirklich so? Hatten die anderen ihn noch gar nicht wirklich akzeptiert, sondern ihm nur vorerst eine Chance gegeben, sich zu bewähren? Würden sie möglicherweise bei seinem ersten Fehler das Vertrauen in ihn verlieren? Arne hasste dieses Gefühl, sich nicht der Kameradschaft der anderen sicher zu sein. Die einzige, die ihn jetzt wohl verstehen mochte, war Gesa. Und wo er gerade an sie dachte, da schritt sie auch schon heran. „Guten Morgen, Arne“, begrüßte sie ihn mit einem freundlichen Lächeln. „Guten Morgen, Gesa“, antwortete er eher halbherzig, wenngleich ihn ihre Anwesenheit deutlich glücklicher stimmte. „Ich werde gleich auf eine Patrouille gehen“, erklärte er ihr. Ihre fröhliche Miene ebbte etwas ab. „Siehst du deshalb so blass aus?“, fragte sie ihn. „Daran liegt es nicht“, sagte er. Er wollte ihr die Wahrheit nicht verschweigen, aber er war sich auch ziemlich sicher, dass sie bereits selbst davon Wind bekommen hatte, dass sie beide in der Einheit Außenseiter waren. Einzig Martin hatte sich ihnen gegenüber etwas offen gezeigt. Doch sie würden es schaffen, sie zu überzeugen, dass sie würdig seien, der Einheit anzugehören, das entschied Arne. „Du brauchst nichts zu sagen, wenn du nicht willst“, lenkte Gesa ein. „Das einzige, was du mir sagen musst, ist, dass du heil zurückkehrst!“, verlangte sie etwas forsch. Ihn durchfuhr ein warmes Gefühl der Freude. Er wusste zwar, dass sie etwas auf ihn gab, jedoch gab ihm ihre Aufforderung darin etwas Sicherheit. Es war schön für ihn, dass jemand beim Aufklärungstrupp so etwas zu ihm sagte. „Ich gebe dir mein Wort“, versprach er ihr. Und er meinte es auch so. Denn er hatte nicht vor, im Niemandsland zu sterben.

      „Jetzt komm endlich, Freimann!“, rief Feldt ihm genervt zu. Er spurtete sich etwas. „Ich bin auf dem Weg“, rief er zurück. Als er an Räger angelangt war, setzte er den linken Fuß in den dazugehörigen Steigbügel und setzte in einem Schwung auf. „Das wurde aber auch Zeit“, beschwerte sich der dienstältere Soldat. Feldt war Arne gegenüber bisher so abweisend gewesen wie kein anderer. Doch Arne hatte auch vor, ihn schließlich von sich zu überzeugen. Daran führte für ihn kein Weg vorbei. Sie ritten eine Weile den Pfad entlang, den sie am Vortag förmlich ausgetreten hatten. Feldt ritt mit einem ranghohen Soldaten der 73. Aufklärungseinheit voraus, während Färber und ein weiterer Soldat, der Arne unbekannt war, das Schlusslicht bildeten. Links neben Arne ritten die restlichen drei Soldaten, unter ihnen war auch ein Soldat, den er kannte. „Lang nicht gesehen, Arne!“, meinte Jonas Plattenkamp etwas zu laut. Sofort drehten sich die ranghohen Offiziere zu ihnen um und legten den Zeigefinger auf ihre Münder, während sie einen Zischlaut ausstießen. Sie dachten wohl, dass er damit Titanen auf sie aufmerksam machen könnte. Plattenkamp hob sofort beschwichtigend eine Hand. Arne kannte ihn noch von der Zeit bei der 98. Trainingseinheit. Damals hatte er mit ihm und den anderen gemeinsam zum Aufklärungstrupp gehen wollen, jedoch hatten sie letztlich ohne ihn gehen müssen. Einige waren schon von ihrem ersten Einsatz nicht mehr zurückgekehrt, und wenn doch, dann nicht selten nur in Stücken. Inzwischen war Jonas mitunter einer der wenigen, die noch unter den Lebenden weilten. Doch, wenn auch nur für kurze Zeit, einen alten Kameraden um sich zu haben, beflügelte Arne in gewisser Weise. Mit etwas gedrungener Stimme sprach Jonas weiter. „Wie geht es deinem Bein?“, fragte er. „Manchmal ist es immer noch etwas steif“, antwortete Arne aufrichtig. „Jetzt klinge ich schon wie ein alter Mann“, gab er zu und musste dabei doch fast lachen. „Und dir?“, fragte er höflich zurück. Jonas machte ein betroffenes Gesicht. „Naja, jetzt wo ich dich sehe, fällt mir wieder ein, dass ich der einzige bin, der von uns noch lebt. Vinzent ist vor drei Wochen bei einer Patrouille erwischt worden. Nun sind beim Trupp nur noch wir zwei übrig. Ach nein, da ist ja noch Robert Weiser in der 71. Einheit. Aber der ist inzwischen ein ganz schönes Wrack. Elsas Tod hat er nicht verkraften können.“ Er hielt einen Moment inne. „Ich kann das gut nachvollziehen, weißt du?“, gab er zu. „Ja, das kann ich auch“, stimmte Arne ihm zu. So viele, dachte Arne. So viele sind gestorben, seit nur einem Jahr. Wir waren doch einmal zu siebt. Es war so ein dummer, ruhmvoller Traum, den wir hatten. Was wäre passiert, wenn ich schon damals hätte antreten können? Wenn ich nicht verwundet und dienstunfähig gewesen wäre. Würde ich dann überhaupt noch hier im Sattel sitzen? Ihn ließ der Gedanke nicht los. Diese Ungeheuer. Diese schändlichen, verachtungswürdigen Ungeheuer. Arne war nun mehr bereit als je zuvor, diesen Titanen den Gar auszumachen. Und doch wieder nicht. Wenn er es nicht schaffen würde, wenigstens einen von ihnen zu rächen, was würden sie von ihm denken, wo auch immer sie waren? Er war sich sicher, dass er die Antwort kannte.

      „Dort vorne ist der Bach“, sagte der Soldat an der Spitze laut genug, damit man ihn hörte, und leise genug, um keine Titanen anzulocken. Als sie endlich am Bachufer angelangt waren, stiegen sie ab und machten die Pferde an Ufernähe fest, sodass diese etwas trinken konnten. Arne nahm seine Wasserbehälter vom Geschirr ab und begab sich damit an den Bach. Als er gerade Wasser schöpfen wollte, ließ sich Feldt neben ihm nieder. "Glaub nicht, dass ich dich als meinen Kameraden akzeptiere, nur weil du es geschafft hast, deine Ausrüstung abzuholen, wie ein kleines Kind sein Spielzeug!", flüsterte er. „Deine Titanentötung gestern war pures Glück. Und ob du es nun willst oder nicht, die anderen denken genauso wie ich.“ Mit diesen Worten schöpfte er Wasser und ging zurück zu seinem Schimmel. Arne gab sich kühler als er war, denn innerlich nahm ihn die Bemerkung mit. Hatte er recht? Am gestrigen Tag hatten am Ende doch alle ihm gegenüber recht aufgeschlossen gewirkt, Feldt außen vorgenommen. Lag er etwa falsch? Arne beschloss jedoch, sich darüber nicht weiter den Kopf zu zermartern, sondern einfach ihr Verhalten abzuwarten. Er schöpfte sein eigenes Wasser und schritt zurück zu seinem Pferd. Räger schaute ihn mit vertrauensvollen Augen an und Arne tätschelte seine Wangen. Dann setzte er wieder auf und wartete darauf, dass auch die anderen fertig wurden. Als es schließlich soweit war, ritten sie alle in derselben Kolonne zurück zum Nachtlager. Eine gute Dreiviertelstunde mochte seit ihrem Aufbruch von dort vergangen sein. Arne beobachtete seine Umgebung, während Jonas links an seiner Seite über alte Zeiten bei der 98. Trainingseinheit schwelgte. Sie ritten durch ein Terrain, das nicht besonders felsig, jedoch üppig bewaldet war. Die Blätter an den Laubbäumen und die Zweige an den Nadelbäumen tanzten gleichsam im Winde und säuselten ein entspanntes, kanonisches Lied eines frühherbstlichen Vormittags. Es wirkte alles so ruhig, so friedlich. Arne mochte kaum glauben, dass diese Wildnis gleichermaßen tödlich war. Einige Vögel stoben rechts des Weges ungefähr fünfzehn Meter voraus von ihren Sitzplätzen empor und flatterten davon. Für Arne sah es aus, als würden sie sich gegenseitig spielerisch verfolgen, ähnlich wie die kleinen Straßenkinder, die er im Bezirk Shiganshina vor zwei Tagen hatte beobachten können. Doch dann wurde ihm klar, dass diese Tiere keineswegs spielerisch wirkten. Sie wirkten panisch. Im Dickicht zu ihrer rechten raschelte es leicht. „Herr Feldt, dort im Dickicht!“, rief Arne aus. Da bemerkten auch die anderen die Bewegungen im Gehölz. „‘S könnt‘ n‘ Bör soin“, meinte der Offizier neben Färber hinter ihm. „Nein, dafür ist es zu groß“, meinte der andere Soldat an der Spitze. Und er hatte recht, denn ganze Bäume bewegten sich leicht hin und her. Wurden leicht unruhig. In diesem Moment griff eine gewaltige Hand durch die Wand aus Tannenzweigen und Blättern und ein aufrecht stehender Titan streckte seinen zweifelnd dreinblickendes Gesicht durch das Dickicht. „EIN TITAN“, brüllte der Soldat neben Feldt. Sogleich trat der Titan langsam und schleppend aus dem Geäst hervor. „Angriffspositionen einnehmen!“, rief der Soldat weiter. Friederich Feldt neben ihm gab seinem Pferd die Sporen und galoppierte den Pass entlang zurück zum Lager, ehe der Titan sich den anderen in den Weg stellte. Einzig Arne schien Feldts Abwesenheit bemerkt zu haben, alle anderen waren bereits vollkommen fokussiert auf den Titanen. Auch ihn durfte das nicht länger aufhalten, sonst würde er dafür bezahlen. Arne sprang ebenfalls von seinem Pferd ab und zog seine Titanenklingen.

      Lebwohl, kleiner Vogel!
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      „Plattenkamp, Freimann, ihr greift seine Arme an! Macht ihn handlungsunfähig. Staiger und Müller, ihr greift seine Beine an!“ rief der Offizier bestimmt und mit fester Stimme. „Verstanden“, riefen sie im Chor. Arne, der auf dem felsigen Boden stand, machte einen Satz und schwang sich gemeinsam mit den anderen in die Höhe. Er schoss seinen Eisendraht zuerst an eine naheliegende Baumkrone. Die anderen taten ähnliches und so positionierten sie sich um den Titanen herum. Dieser machte einen kräftigen Schritt nach vorne und lag nun fast direkt zwischen den Soldaten. Die Pferde wichen vor dem riesenhaften Wesen zurück. Arne bemerkte, dass er etwas zitterte. Doch warum? Was war denn nun anders, im Vergleich zum gestrigen Tag. Er hatte schnell die Antwort gefunden. „Wir waren nicht vorbereitet“, murmelte er. Jonas, der bemerkt hatte, das Arne zögerte, rief ihn an. „Arne, worauf wartest du!“ rief er, ehe er von seinem Ast absprang und auf den Titanen zusteuerte. Sie sind auf mich angewiesen, dachte er. Das ist eine Chance für mich, um sie zu überzeugen. Er machte erneut einen Satz, und wirbelte etwas ungelenk in die Luft empor. Arne verschoss erneut den Eisendraht, doch diesmal steuerte er direkt auf den linken Arm zu. Er hielt seine Klingen bereit, und als es soweit war, hieb er kräftig zu. Doch er rutschte mit der Klinge an der Oberfläche des Armes leicht ab und der Schnitt ging nicht richtig durch den Arm hindurch. „Verdammt!“, fluchte er. Auch geriet er leicht ins Trudeln und verlor kurzzeitig die Kontrolle über seinen Flug. Währenddessen war Jonas noch im Anflug auf den rechten Arm, weshalb Arne ohne weitere Aufmerksamkeit durch den Titanen seinen Fehler rechtzeitig korrigieren konnte und schließlich einige Meter hinter dem Titanen auf dem Boden landete. Der Titan jedoch griff mit seinem rechten Arm nach Jonas. Dieser versuchte noch auszuweichen, doch es war bereits zu spät.

      Die titanische Hand ergriff ihn und packte ihn mit ihren kräftigen Fingern am linken Bein. Jonas schrie laut auf. Die anderen verloren für einen Moment den Fokus und blickten herüber zu ihm. „Halte ein, Jonas!“, schrie der ranghohe Offizier. „Er- er zerdrückt mein Bein! Arrgh!“, schrie Jonas schmerzerfüllt heraus. Er trat mit dem rechten Bein heftig auf die Finger ein, er schlug mit den Klingen zu, bearbeitete sie. Doch es half nichts. Arne konnte nicht lange zögern und eilte seinem Freund zur Hilfe. Er schoss den Eisendraht an den Nacken des Titanen und setzte zu einem Angriff auf rechten Oberarm an, anstatt die verwundbare Stelle des Titans in Beschlag zu nehmen. Er wirbelte mit gespanntem Drahte herum und steuerte auf den Arm zu. „Verdammt, Freimann, greif doch den Nacken an!“, rief noch der ranghohe Offizier, doch Arne ignorierte ihn. In diesem Moment griffen die beiden Soldaten die Beine des Titanen an. Sie durchschnitten beide sorgsam die Fersen des Titanen. Dieser verlor den Halt und drohte nun, mit Jonas unter sich zu Boden zu stürzen. Arne kam ins schlingern. „Gottverdammter Mist, was tut ihr denn!?“ Der Offizier sprang nun von der Baumkrone herunter, auf der er gestanden hatte, und versuchte, Plattenkamp noch zu retten. Doch Ludwig war schneller. Er hatte den Arm erreicht, durchtrennte das Handgelenk des Titanen mit einem beherzten Hieb und griff Jonas am Oberarm. Mit einem kräftigen Zug konnte er ihn aus dem Griff befreien. Dann manövrierte er sie vom Titanen fort und setzte Jonas in sicherer Entfernung ab. Arne, der nach Ludwigs Angriff abgedriftet war, sprang sofort zu ihm. „Wie geht es dir?“, fragte er besorgt. „Nun, mir ging es schon einmal besser, würde ich sagen. Der hat mir fast das Bein zerquetscht“, sagte Jonas mit lächelnder Miene. Doch Arne merkte, dass er geschockt war. „I‘ hob di‘“, hörte er hinter sich jemanden rufen. Der zweite Offizier der 73. Einheit hatte den Titanen den Gar ausgemacht. Wütend kam der ranghöhere Offizier herübergestapft. „Freimann, das was sie gerade getan haben, ist Befehlsverweigerung!“, sagte er in einem gefährlichen Ton. „Sie haben damit das Leben ihrer Kameraden auf’s Spiel gesetzt!“ Er kam ihm gefährlich nahe und griff ihm an sein Hemd. „Hör‘ auf…, Walter“, sagte Ludwig Färber in leisem Ton und fasste dem Soldaten auf die Schulter. „…r hat sein‘ Kameraden gerettet, weil er gesehen hat, was ihr viel zu spät bemerkt habt… Wenn der Titan umgefallen wäre, während Plattenkamp noch in seiner Hand gewesen wäre, hätte es ihn zerquetscht und er wäre unter dem Titanen begraben worden...Der Junge hat alles richtiggemacht“ Der Soldat schien darüber nachzudenken, ehe er von ihm abließ. Im Gehölz war abermals ein Knacken zu vernehmen, und weitere Titanen traten zwischen den Bäumen hervor. Sofort nahmen sie wieder Kampfpositionen ein. Arne half den Soldaten Staiger und Müller dabei, Jonas auf einen nahegelegenen Baum zu schaffen. „Macht sie fertig“, bat der verwundete Jonas. Arne nickte ihm zustimmend zu. Dann blickte er hinunter auf den Weg. Es waren insgesamt fünf Titanen, drei davon schätzte Arne auf fünf Meter Körpergröße, die anderen beiden auf sieben Meter. Das sind zu viele auf einmal, dachte Arne und ihm lief es kalt den Rücken herunter. In solch einer Gruppe würden sie nicht mit ihnen fertig werden. Er besann sich dennoch eines Besseren. Denn die Anderen im Stich zu lassen würde für ihn nicht infrage kommen.

      Als Arne sich in die Luft geschwungen hatte, um leicht akrobatisch dem Titanen, den er als sein Ziel auserwählt hatte, entgegen zu jagen, hatte der ranghöhere Soldat bereits einen Fünf-Meter-Titanen erreicht und ihn mit einem schwungreichen Streich enthauptet. Färber, der zweite Offizier und ein weiterer Soldat umschwebten einen der Sieben-Meter-Titanen. Er selbst hatte den zweiten Sieben-Meter-Titan ins Visier genommen. Während er herannahte, spürte er, wie das hinter ihm davonstiebende Gas ihm förmlich Flügel verlieh. Flügel der Freiheit, dachte er. Für die Freiheit, für die ich kämpfe. Mit einem Schrei stieß er auf den Titanen hinunter wie ein Raubvogel auf seine Beute. Er holte aus und verpasste dem Nacken des Titanen einen kräftigen Schnitt. Der Schnitzer war nicht präzise gewesen, doch es hatte wohl dennoch gereicht um den Titanen zu töten, welcher daraufhin leblos nach vorn glitt. Arne hatte sich bei dem Angriff aber zu sehr auf den Titanen konzentriert und taumelte nun, ehe er sein Gleichgewicht wiederfand und den nächsten Baum ansteuerte. Ein Titan befand sich nun gefährlich in seiner Nähe. Der Trupp aus Färber und den zwei anderen Soldaten hatte inzwischen auch den anderen Sieben-Meter-Titanen ausgeschaltet. Sie wollten sich gerade den anderen Titanen zuwenden, als ein Zischen zu hören war und ein schwarzer Schimmer über den Horizont huschte. Wenige Momente später war das Getrampel von Pferdehufen zu hören und sie erblickten den restlichen Aufklärungstrupp, der in Formation, so gut es bei diesem Gelände ging, auf sie zuritt. Ein Soldat nah an der Spitze sprang von seinem Ross ab und schoss beinahe anmutig auf den Fünf-Meter-Titanen nahe Arne zu. In einer wirbelnden Bewegung enthauptete er den Titanen. Arne konnte sich nicht erinnern, jemals gelernt zu haben, auf diese Weise einen Titanen zu töten. „D-Danke sehr!“, rief Arne ihm zu. „So eine Sauerei“, murmelte der Soldat jedoch nur und betrachtete seinen Ärmel, welcher leicht von Titanenblut befleckt worden war. Arne widmete er keiner Beachtung. Ihm fiel ein, das Martin gesagt hatte, dass dieser Soldat Levi heißen würde. Ein seltsamer Name für einen seltsamen Helden, dachte er.


      Die Fortsetzung folgt in "Kapitel 5: Nacht" !


      Lebwohl, kleiner Vogel!

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      „Was würde ich für ein Pferd geben. Ich bin wieder am Lagerplatz, an dem wir am ersten Tag rasteten. Meine Hände sind verkrustet vom getrockneten Blut. Es ist nicht meines. Zu viel…“
      ~Arne Freimann (Eintrag fünf, letzter erkennbarer Eintrag)

      Kapitel 5: Nacht
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      „Was ist genau passiert?“, fragte der Kommandant den ranghöheren Offizier. „Wir wurden auf dem Rückweg von Titanen überrascht, konnten jedoch wegen Rekrut Freimann rechtzeitig reagieren, sodass es zu keinen Verlusten kam. Ein Soldat wurde bei dem folgenden Kampf leider verletzt, jedoch ist es nichts lebensbedrohliches.“ Der Kommandant nickte. „Wieso seid ihr uns zur Hilfe geeilt, Kommandant?“, fragte nun der Offizier. Der Kommandant drehte sich leicht und deutete mit der ausgestreckten Hand in die Richtung eines Soldaten aus der zweiten Reihe. Es war Friederich Feldt. Er hatte das Gesicht den Beteiligten halb abgewandt, gezwungen, den Kopf nicht vollkommen aus dem Blickfeld der anderen bewegen zu können. „Offizier Feldt hat uns alarmiert“, gab der Kommandant als Erklärung an. So war das also gewesen, wurde Arne klar. Die Rettung war willkommen gewesen, doch trotzdem verstand er nicht, wieso Feldt sie ohne zu zögern alleine gelassen hatte. Immerhin war er doch einer der stärksten Soldaten der Einheit. Nachdem sie sich gesammelt hatten, beschloss der Kommandant, dass es an der Zeit war, weiterzureiten. Während sich die Kolonne langsam in Gang setzte, ritt Arne durch die Reihen hindurch zum verletzten Jonas. Dieser schien es irgendwie trotz seiner Verwundung fertig zu bringen, aufrecht im Sattel zu sitzen. „Wie geht es?“, fragte Arne trotzdem vorsichtshalber. „Och, ganz gut eigentlich“, antwortete Plattenkamp. Er blickte herab zu seinem Bein, das leicht geschient und verbunden worden war, wie die Möglichkeiten es in diesem Fall erlaubten. „Der Feldarzt meinte, der Knochen sei nur leicht gebrochen und das Gelenk hat er mir wieder eingerenkt. Nun kann ich sogar reiten!“ Er schien das alles im Nachhinein recht ruhig anzugehen, froh, am Leben zu sein. Arne war wohl weitaus eher beunruhigt gewesen. Er verabschiedete sich und ritt zurück zu seiner Position im linken Flügel. Sie sprachen ihn nicht an, doch er bemerkte die Blicke der Anderen. Es waren keine urteilenden Blicke, so wie bisher. Sie waren eher besorgter Natur. Das verwunderte ihn, doch auch er zog es vor, zu schweigen. So setzten sie still den Ritt fort, der sie inzwischen im Zickzack über eine Landschaft voll unwegsamen Bodes geführt hatte. Kahle, tote Bäume säumten vereinzelt ihren Weg. Die Pferde hatten matschbedeckte Läufe und kamen schwer voran. Arne war sich nicht sicher ob es stimmte, aber er war der Meinung, dass dies ein Moor sei. Er klopfte Räger beruhigend an den Hals und redete ihm gut zu. Der immer langsamer voranschreitende Tross bewegte sich weiter fort, während ein Bote durch die Reihen ritt und eine Nachricht überbrachte. Als er auch bei ihnen angelangt war, rief er laut die Kunde aus. „Kommandant Shadis hat befohlen, dass wir unverzüglich Halt machen! Die Gruppenleiter sind zu einer Besprechung geladen!“ Arne stieg von seinem Tier ab. Diese Landschaft gefiel ihm ganz und gar nicht. Man konnte nicht sicher und fest auf dem Boden stehen.

      Während Hauptmann Hain sich mit seinem Rappen in Richtung Kommandozelt in Bewegung setzte, zog die 74. Aufklärungseinheit, welche inzwischen fast vollständig von den Pferden abgestiegen war, näher zusammen. Lediglich Gesa war nirgends zu sehen. „Freimann“, rief Werner Grin ihn. „Erzähl uns, was auf dem Rückweg von der Wasserstelle passiert ist, bitte!“ Sie schienen alle recht interessiert zu sein, genauestens über die Geschehnisse in Kenntnis gesetzt werden zu wollen. Obwohl es ihm persönlich etwas unangenehm war, das Widerfahrene so schnell zu rekapitulieren, gab er ihrem Wunsch nach und berichtete von seinen Erlebnissen. Feldt, der etwas abseits der Gruppe stand, wirkte durchgehend nervös, schien jeden Moment in eine Richtung davonhasten zu wollen. Dass er die Flucht ergriffen hatte, ließ Arne jedoch in seiner Geschichte aus. Den Anderen schien keine Ungereimtheit aufgefallen zu sein, und so lauschten sie bis zum Ende gebannt seiner Erzählung. Als er geendet hatte, folgte eine kurze Stille. Dann klopfte ihm Manfred Stein bestätigend auf die Schulter. „Du bist echt in Ordnung, Junge“, meinte Grin zu ihm. Die Miene der Einheit heiterte sich insgesamt etwas auf. Inzwischen war erneut ein Bote erschienen. Er stieg mit einer leichtfüßigen Bewegung aus seinem Sattel und landete ebenso auf dem halbfesten Boden. „Soldat Freimann?“, rief er. Arne hob den Kopf. „Ich bin hier“, antwortete er. Der Bote schaute sich kurz um, ehe er Arne erspäht hatte. Mit einem hastigen Blick auf das Schriftstück, welches er in der Hand hielt, versicherte sich der Soldat, dass er auch die rechte Mitteilung überbrachte. „Eine Benachrichtigung von Kommandant Shadis, sie sollen sich unverzüglich im Kommandozelt einfinden.“ Etwas erstaunt folgte Arne dem Boten, während der Rest der Einheit ihm in gleichem Maße verdutzt hinterher blickte. Sie schritten der langen Kolonne rechts entlang, welche sich den Weg entlang gebildet hatte, die Pferde an den Zügeln hinter sich her führend. Die Truppe hatte noch keine Verluste hinnehmen müssen, jedoch hatte sie das unwegsame Gelände erschöpft und verdreckt werden lassen, was dem Bilde der von der Front lebendig heimkehrenden Soldaten in Arnes Erinnerungen recht nah kam. Und auch Arne war nach den erlebten Geschehnissen dieses Tages ermüdet. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn er diese Strecke zum Zelt hätte auf dem Pferd zurücklegen können, doch die enge Wegpassage erlaubte dies nicht. Und so führte er in Gedanken versunken Räger hinter sich her. „Ruhig Krul!“, hörte er einen Soldaten rufen und schreckte aus seinen Gedanken empor. Links von ihm scheute ein Pferd und stieg auf, schlug mit den Vorderhufen Auf und Ab. Arne stolperte zurück und landete auf seinem Rücken im Dreck. Ein Schmerz durchzuckte ihn. Er griff sich instinktiv an die Hüfte. „Ist alles in Ordnung?“, fragte der Soldat Arne und bot ihm seine Hand an. „Ja, es geht schon“, antwortete er und nahm die angebotene Hand an. Dieser Schmerz würde wohl nie vergehen.

      Am Zelt angekommen nahm ein wartender Soldat ihnen ihre Zügel ab und bedeutete ihnen, das Innere des Zeltes aufzusuchen. Der Bote ging sogleich zur Zeltwand, öffnete sie und hielt sie Arne auf. Arne schritt hindurch und fand sich in einem großen Innenraum wieder. Auf transportablen Schränken und Podesten lagerten zahlreiche wichtig aussehende Utensilien und Karten. In der Mitte des Raumes saßen zahlreiche ranghohe Offiziere, unter ihnen auch Shadis, Smith und Hain, auf Feldstühlen im Kreis. „Ah, da ist Freimann ja!“, bemerkte Hain erleichtert. „Gute Arbeit zuallererst. Nicht viele Anfänger zeigen so viel Kameradschaftsgeist!“ Shadis, der stumm, mit grimmigem Blick und mit vor der Brust verschränkten Armen auf einem etwas größeren Feldstuhl saß, wies ihn mit einer Geste an, sich auf einen leer stehenden Sitz niederzulassen. Er nahm Platz, und er merkte, dass ihm das gut tat. „Junge, mein Name ist Bernhardt Maissner“, sprach ihn ein bebrillter, grauhaariger Kauz von einem Mann an, der links von Hain saß. „Du fragst dich sicherlich, warum wir dich hierher gerufen haben.“ „Nun, ich nehme an, dass es etwas mit den Vorfällen von vor zwei Stunden zu tun?“, fragte er. Maissner schmunzelte. „Haargenau“, antwortete er. „Um genau zu sein, geht es um eine Befragung bezüglich deines Kameraden Friederich Fitzgerald Feldt. Er hat sich während der Mission von der Gruppe entfernt.“ Arne wurde nervös. Während des Kampfes zu fliehen galt im Militär als Hochverrat und konnte mit dem Tode bestraft werden. Er fragte sich, ob die Kommandanten über alles Bescheid wussten. Dann wussten sie auch, dass er bei seiner Erzählung der Geschehnisse eben dieses Detail hatte ausgelassen. „Wir wollten dich nun befragen, ob du mitbekommen hast, dass Feldt sich rechtmäßig vom Kampfesgeschehen entfernt hat.“ Arne dachte fieberhaft nach. Er hatte auf keinen Fall vor, Feldt zu verraten, wenngleich es von ihm falsch gewesen war, dass er geflohen war. Er hatte ihnen immerhin noch die Haut gerettet. Doch würde Arne jetzt lügen, begab er sich auf dünnes Eis. Er ging davon aus, dass sich alle anderen Beteiligten, inklusive der zuständigen Offiziere, sich an die Begebenheit nicht genau erinnern konnten. Er hoffte es jedenfalls. „Soldat Feldt bat sich an, vorzureiten, um Verstärkung zu erbitten, da er sehen konnte, dass die Situation für uns sonst aussichtslos war. Er setzte eine offizielle Meldung ab, daran erinnere ich mich noch“, antwortete Arne. Damit war es getan. Er hatte gelogen, für eine Person, die ihn nicht ausstehen konnte, wegen einer Sache, bei der er unehrenhaft entlassen werden könnte. Doch irgendwie befand er sich dieses Risikos der Ehre wegen verpflichtet. Die ranghohen Offiziere blickten sich einander an und lasen jedes Anderen Miene gründlich. „Nun gut“, sagte Erwin Smith. „Wir wollen dir glauben.“ Mit dieser Aussage fing er sich einen bösen Blick von Kommandant Shadis ein, für welchen er mit einem Räuspern Aufmerksamkeit gewann. „Du darfst gehen“, fügte er lediglich hinzu. Arne verließ das Zelt, sichtlich erleichtert. „Arne!“, hörte er eine Stimme hinter sich sagen. Er wandte sich um. Bernhardt Maissner trat aus dem Zelt hervor. Arne dachte schon, man hatte sich bezüglich seines Urteils noch einmal anders entschieden, und er wurde etwas nervös. „Junge, ich muss dir etwas gestehen“, sagte der ältere Mann. „Ja?“, fragte Arne verwundert. „Mir kam dein Name sofort bekannt vor. Jetzt weiß ich, warum das so war. Du kennst doch sicherlich einen Emil Freimann?“ Das hatte Arne wirklich nicht erwartet. Woher kannte der Mann diesen Namen bloß? „Ja, das ist der Name meines Vaters, wieso?“, fragte nun Arne irritiert. Der Mann hielt kurz inne, schien sich an etwas zu erinnern. „Ich kannte deinen Vater, wir haben eine Zeit lang gemeinsam gedient.“ Dieser Mann sollte Arnes Vater gekannt haben? Auf eine gewisse Weise erfüllte es ihn mit Stolz, dass sich einstige Kameraden an seinen Vater erinnerten. „Wie gut kannten sie ihn?“, hakte er interessiert nach. „Ich war lange Zeit mit ihm in Krolva stationiert. Er war ein wirklich großartiger Soldat und Mensch. Aber wenn ich dich jetzt so sehe, muss er bestimmt auch stolz auf dich sein.“ Ein Lächeln fuhr über Arnes Gesicht. „Ja, das wäre er.“

      Den Weg zurück zu seiner Einheit legte er allein zurück, nachdem er sich die Zügel seines Pferdes von einer Soldatin geben ließ. Der Rückweg fiel ihm etwas leichter. Wenngleich seine Hüfte weiterhin spürbar schmerzte, so war doch ein enormer Druck von ihm abgefallen. Auch dachte er etwas über das Gesagte des Offiziers nach. Inzwischen hatte er wieder den Platz erreicht, an welchem sich seine Einheit eingereiht hatte. Doch als er dort ankam, erblickte er nur Gesa und Fritz Feldt. Als Gesa ihn erblickte, kam sie auf ihn zu. Er erwartete, dass sie stehen blieb und machte den Mund auf, um etwas zu ihr zu sagen, doch sie blieb nicht stehen. Sie war ihm nun eine Handbreite nah und blickte ihm in die Augen. Dann breitete sie ihre Arme aus und schloss sie in einer Umarmung um ihn. Arne verschlug es dabei glatt die Sprache. „Danke, dass du zurückgekommen bist“, sagte sie. Er spürte einen warmen Tropfen auf seiner Schulter. „Ich habe es doch versprochen“, sagte Arne. „Und mein Wort halte ich auch.“ Mit diesen Worten löste sie die Umarmung und schaute ihn lächelnd an. „Das hoffe ich doch!“ Sie wischte sich mit der Rückhand eine Träne aus dem Augenwinkel. „Hey, ihr Turteltauben!“, hörte Arne rufen. Es war Feldt gewesen. Er stand mit leicht verschränkten Armen etwas entfernt und beobachtete sie. „Euch ist bewusst, dass Beziehungen zwischen Einheitsmitgliedern nicht toleriert werden, oder?“, meinte Feldt weiter. Gesa wandte sich um und verzog genervt das Gesicht. „Was haben wir dir getan, dass wir Opfer deines Hohns sein müssen“, fauchte sie ihn an. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und ging davon. Mit einem wütenden Schnauben kommentierte Gesa dieses Verhalten. Sie redeten einige Zeit über die Geschehnisse des Tages, ehe der Rest der Truppe eintraf. Die Kolonne begann, sich in einem höheren Tempo fortzubewegen. Bald schon hatten sie das sumpfige Land verlassen und waren auf festem Erdboden unterwegs. Die nächsten Tage verliefen ohne besondere Ereignisse. Sie trafen nur vereinzelt auf Titanen, die sie ohne große Verluste beseitigen konnten. Am fünften Tag nach dem Vorfall kamen sie erneut in bergiges Gebiet, sie durchritten einen Pass durch ein enges Tal. Wie gewöhnlich ritt Arne Seite an Seite mit Martin und Gesa. Sie waren in ein Gespräch vertieft und Martin war dabei, ihnen von seinem Zeitvertreib, dem Fischen, zu erzählen. „…und ein anderes Mal zog ich solch eine Brasse aus dem Fluss hinter der Weide!“, behauptete er stolz und veranschaulichte den Anderen, wie groß der Fisch gewesen sei. Gesa musste bei Martins euphorischer Darstellung kichern. Ein fernes Grollen war zu hören. „Das sieht nach Regen aus!“, meinte Martin. Und in der Tat sah der Himmel bedrohlich aus. Als Arne empor blickte, sah er, dass sie auf dunkle Wolkenschwaden zuritten. Der starke Wind, der seit den Morgenstunden unnachgiebig über das Land wehte, musste sie zu ihnen getragen haben. Die Böen selbst waren auch nicht wirklich leise, denn sie heulten den Soldaten nur so um die Ohren. Und als sei das nicht schon genug, würde auch bald die Dunkelheit anbrechen. Die Sonne war den Tag über jedoch ohnehin nicht zu sehen gewesen. Einmal mehr ritt ein Bote durch die Reihen der Soldaten. „Die Kolonne muss schneller vorankommen, sagt der Kommandant. Wir sollen das Tal so schnell es geht hinter uns lassen!“, rief er immer wieder vom Rücken seines Pferdes. Merklich wurde die Kolonne schneller, doch es half nichts. Bald versank die Sonne hinter dem Bergrücken und sie wurden in die Düsternis der Abenddämmerung gestoßen. „Ich habe ein ungutes Gefühl bei der Sache“, verriet Arne den Anderen. „Da sind wir dann schon zwei“, meinte Martin. Sie führten die Pferde bei Dunkelheit durch die Schlucht, denn Fackeln konnten sie nicht entzünden. Mit der Dämmerung hatte auch der Regen eingesetzt, der nun ihrer Situation völlig unbekümmert auf sie nieder prasselte. Sie schlugen die Kapuzen ihrer Umhänge hoch. So wurden Arne und seine Kameraden nicht nass, jedoch hatten die Kapuzen eine weitere, unangenehme Wirkung. Die Reihen der Soldaten waren zu einer Kolonne von Gesichtslosen geworden. Beinahe wie ein Zug Trauernder auf dem Gang zur Beerdigung sahen sie aus. Die Stimmung war eine unheimliche, geisterhafte und beklemmende geworden. Es knallte laut. Die Einheit zuckte zusammen. „Keine Furcht, Kameraden! Das war nur ein Blitzeinschlag!“, rief Stein den Anderen zu. Der Knall hallte seltsam gespenstisch in den grauen Steinwänden des Tals nach. Nach einem Dutzend Minuten knallte es erneut. Wieder zuckte Arne gewaltig zusammen. Diesmal war der Hall lauter, bedrohlicher. Der Blitzeinschlag musste näher gewesen sein. Alle waren nun angespannt. „Hast du dich auch schon einmal gefragt, wie Titanen Wetter wahrnehmen?“, fragte Martin Arne um die Stimmung wieder aufzulockern. Doch alles half nichts. Arne wollte der Höflichkeit halber antworten, dass er sich normalerweise nicht so viel damit beschäftige, was Titanen empfinden, jedoch wurden sie im nächsten Moment Zeuge eines seltenen Phänomens. Gut zwanzig Meter vor Arne schlug ein Blitz in die Felswand ein. Der darauffolgende Donnerschlag war ohrenbetäubend. Arne hielt sich konfus die geblendeten Augen und Ohren gleichfalls. Letztere waren mit einem penetranten Pfeifen geschlagen, „Es bricht!“, hörte er eine scheinbar Meilen entfernte Stimme sagen. Arne kniff die Augen zusammen, um etwas sehen zu können. Langsam gewöhnten sich seine Augen wieder an die Dunkelheit der Nacht. Er nahm eine Bewegung wahr und blickte nach oben. Der Himmel schien auf ihn herabzustürzen.

      Die Fortsetzung folgt in "Kapitel 6:Fall" !

      Lebwohl, kleiner Vogel!

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von „Ahiru Yukitori“ ()

      *clap*

      Super Geschichte. Macht echt Spaß, sie zu lesen. Leicht verständlich, fließend lesbar, beinahe fehlerfrei geschrieben und spannend. Was will man mehr?

      Man merkt schon, dass du Erfahrung im Schreiben hast und es dir Spaß macht, zu Schreiben. Zwar kann man hier und da noch ein etwas höheres Niveau (was die Sätze betrifft) einbringen, aber wir wollen ja nicht kleinlich werden :D

      Super. Weiter so. Will mehr lesen :thumbsup:

      ^^ ^^ ^^ ^^ ^^ ^^ ^^ ^^ ^^ ^^
      Ich danke dir für deine Worte!
      Nun, ein klein wenig Erfahrung habe ich schon gesammelt, da hast du recht. Meinst du mit höherem Niveau den Satzbau oder Haupt- und Nebensatzsetzung?
      Ich werde versuchen, mal demnächst weiterzuschreiben, wenn ich genug Zeit dafür finde.

      Lebwohl, kleiner Vogel!